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“Verrückt, verrutscht, versetzt. Zur Verschiebung von Gegenständen, Körpern und Orten” – so der klangvolle Titel eines Symposiums der Isa Lohmann-Siems-Stiftung, an dem ich am 7. und 8. Februar 2014 als Moderator teilnehmen durfte. Die Tagung befasste sich aus kunsthistorischer, kulturwissenschaftlicher und -anthropologischer Perspektive mit verschiedenen gesellschaftlichen und medialen Praktiken des – bewussten oder unbewussten – Verrückens, Verrutschens und Verschiebens von Dingen.

So abstrakt dies zunächst klingt, so konkret waren doch die behandelten Themen: Nach einer Begrüßung durch die Organisatorinnen Daria Dittmeyer, Jeannet Hommers und Sonja Windmüller eröffnete die Kunsthistorikerin Karen Michels das Symposiums mit einem Vortrag zur Geschichte der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg und nahm damit Bezug auf den repräsentativen Tagungsort, das Hamburger Warburg-Haus. In weiteren Vorträgen des ersten Tages sprach der Hagener Literaturwissenschaftler Uwe Steiner zur ‘anthropozentrischen Matrix’ und der Rolle bewegter Dinge (wie etwas des Dolches) in Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti. Aus den disziplinären Perspektiven der Ethnologie, Kunstgeschichte und Kulturanthropologie untersuchten schließlich Valeska Flor (Innsbruck) “Translozierte Gegenstände aus Umsiedlungsorten des rheinischen Braunkohlereviers”, Jeannet Hommers (Hamburg) “Visuelle und mediale Strategien der Neuinszenierung von Reliquien in romanischen Kirchen Burgunds” sowie Sonja Windmüller (Hamburg) die “Verschiebung von Parade-Routen und -Räumen” am Beispiel des Trinidad and Tobago Carnival.

Der zweite Tag des Symposium öffnete dann das ohnehin schon ziemlich interdisziplinäre Feld noch weiter: In der ersten morgendlichen Sektion standen nunmehr medien- und literaturwissenschaftliche Ansätze im Vordergrund. Der Kölner Game Studies-Kollege Benjamin Beil forderte die versammelten Anthropo-, Ethno- und Soziologen mit einem Vortrag “Zur Ästhetischen Grenze des Computerspielbildes” heraus, in dem er – ausgehend von Ernst Machs Selbstanschauung Ich – die subjektive visuelle Perspektive des First-Person-Shooters diskutierte. Mit einem augenzwinkernden Verweis auf das (aus anderen Gründen interessante) Spiel Surgeon Simulator 2013 leitete er über zum zweiten Vortrag des Morgens: Irmela Krüger-Fürhoff (Berlin) sprach über “Imaginationen der Organtransplantation in Literatur und Film” am Beispiel von Charles McDougall’s Film Heart (1999) und David Wagners Für neue Leben (2009). Der Rest des Tages war dann wieder der Kunst-, Kultur-, und Architekturgeschichte gewidmet. So sprach etwa Christina May (Bochum) in einem so unterhaltsamen wie klugen Vortrag zur Geschichte des Ruhr-Zoos, Klara Löffler (Wien) zur Verrückung von Häusern in den Stummfilmen Buster Keatons und den Werken Erwin Wurms und Daria Dittmeyer-Hössl (Hamburg) zur Charakterisierung der Schergen in Passionsbildern.

Das Symposium war damit ein insgesamt durchaus inspirierender ‘Blick über den Tellerrand’ der eigenen Disziplin und (zugegebenermaßen gelegentlich auch) der eigenen Interessen. Das von der Isa Lohmann-Siems-Stiftung ausgegebene Thema der ‘Verrückung’ konnte die teilweise äußerst unterschiedlichen disziplinären Zugänge und Gegenstandsbereiche allerdings nur bedingt zueinander finden lassen. So unterschieden sich nicht nur die Objekte der ‘Verrückung’ (‘realweltliche’ vs. fiktive Gegenstände vs. abstrakte Konzepte) und der Gebrauch des Begriffes (wörtlich vs. metaphorisch), sondern auch die Reichweite seiner Anwendung (vom ‘Translozieren’ einzelner Gegenstände bis zum Konzept der Bewegung an sich). Dass vor diesem Hintergrund dennoch stets lebhafte und offene Diskussionen möglich waren, spricht daher vor allem für die geistige Beweglichkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie für die angenehmen Rahmenbedingungen, die die Organisatorinnen und das Warburg-Haus erfolgreich zu schaffen wussten.

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