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George R. R. Martins Roman-Zyklus A Song of Ice and Fire ist spätestens seit dem Erfolg der HBO-Serie Game of Thrones zu einem transmedialen Phänomen angewachsen, das nicht nur in der Medienwissenschaft ein starkes Echo gefunden hat. So erfreut sich die literarische Vorlage insbesondere in den Kultur- und Literaturwissenschaften einiger Beliebtheit, wie die steigende Zahl entsprechender Calls for Papers belegt. Einer im deutschsprachigen Raum einzigartigen wissenschaftlichen Veranstaltung zu diesem Thema konnte ich vom 9.-11. Oktober beiwohnen: der von Michael Baumann, Robert Baumgartner, Tobias Eder und Markus May organisierten interdisziplinären Tagung “Winter Is Coming” auf Schloss Blutenburg in München.


Blut’n’Burg

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Die vier Organisatoren, mehrheitlich am germanistischen Department der Ludwig-Maximilians-Universität München angesiedelt, hatten schon im Vorfeld einiges dafür getan, den Boden für anregende Diskussionen zu bereiten: von der Wahl des Tagungsortes (dem Münchener Schloss Blutenburg, dessen Namensgebung enttäuschenderweise weder auf “Blut”, noch auf “Blüten” zurückzuführen sei) über das Abendprogramm (eine kommentierte Schwertkampfvorführung) bis hin zur Raumausstattung (Rüstungen und mit Wappen fiktiver Häuser verzierte Lampenschirme). Während bereits diese Rahmenbedingungen eine ungewohnt ‘immersive’ wissenschaftliche Erfahrung versprachen, stellte auch die Zusammenstellung des dreitägigen Programms eine spannende und multiperspektivische Auseinandersetzung mit Martins Werk in Aussicht. Zwar waren die Vorträge in acht thematisch fokussierte Panels gegliedert, doch kristallisierte sich schnell eine übersichtliche Anzahl an Denkfiguren heraus, die teilweise quer zu den Themenblöcken verliefen, aber dennoch (oder gerade) zahlreiche Bezugnahmen zwischen den Vorträgen ermöglichten.

Motivgeschichte(n) und die Verlockungen der Intertextualität

Wohl auf Grund des literaturwissenschaftlichen Interesses, das die überwiegende Mehrheit der teilnehmenden Wissenschaftler_innen an die A Song of Ice and Fire-Romane herantrug, erfreuten sich motivgeschichtliche Untersuchungen besonderer Beliebtheit. So untersuchte Gerold Sedlmayr die Figur des Waisen und deren Bezüge zur politischen Ideologie der dargestellten Welt; Anja Müller besprach den Löwen, das Wappentier des Hauses Lannister, als kulturelles Symbol; Mario Grizelj, Tobias Eder und Igor Eberhard diskutierten Motive des Fremden und Übernatürlichen und wie sie entlang verschiedener Oppositionen im Text konstruiert werden (‘Norden’/’Süden’, ‘natürlich’/’übernatürlich’, ‘eigen’/’fremd’); und Dominic und Marco Frenschkowski stellten die titelgebenden Konzepte des Zyklus (‘Eis’ und ‘Feuer’) motivgeschichtlich nebeneinander. Obwohl die Untersuchung literarischer Motive sicherlich nicht zum Kreativsten gehört, was die philologische Trickkiste zu bieten hat, erwies sich die Mehrheit der Betrachtungen jedoch als außerordentlich gewinnbringend, vor allem, wenn auch weniger offensichtliche Motive in den Blick gerieten – wie etwa die Konzepte von Kindheit und Jugend in Maria Kutscherows anregendem Vortrag, die Bedeutung, Konstruktion und Darstellung von Wissen bei Mireya Schlegel oder die Funktion von Mystifikationen und Rätseln, die Gastgeber Markus May kenntnisreich diskutierte.

Eine Begleiterscheinung dieser Rekonstruktion literarischer Motive war ein teilweise stark ausgeprägtes Interesse am Aufspüren intertextueller Verweise in Martins Romanen. Und so nachvollziehbar dieser detektivische Impuls auch ist (schließlich ist A Song of Ice and Fire ein Paradebeispiel für das, was Eco “intertextual collage”[1] und Jenkins “radical intertextuality”[2] nennt) – gelegentlich kam die Frage auf, welchem Zweck die Zitatejagd im Einzelfall diene. Und so war dann auch ein Ergebnis der durchweg auf hohem Niveau geführten Diskussionen, dass die Interpretation der verwendeten motivischen Versatzstücke vor dem Hintergrund der Bricolage-Methode Martins zumindest mit kritischem Bewusstsein für das spielerische Moment dieser Methode geschehen sollte. Dementsprechend aufschlussreich war dann auch der Abendvortrag von Tolkien-Experte Dieter Petzold, der eine umfassende Rekonstruktion gängiger Mittelalterklischees in der Fantasy Fiction vorstellte und damit noch einmal einen weiteren Bezugsrahmen für die Interpretation von A Song of Ice and Fire an die Hand gab.

Sex, Macht, Religion

Ein zweiter Themenschwerpunkt drehte sich um Politiken der Macht, wie sie in der Welt von Westeros verhandelt werden. Die Vorträge setzten dabei drei unterschiedliche Schwerpunkte, die alle Machtrelationen als gemeinsamen Bezugspunkt hatten: Herrschaft, Religion und Sexualität (Überschneidungen möglich). So identifizierte Michael Baumann mit Max Weber verschiedene Formen der Herrschaft in der Welt von Westeros, um zu argumentieren, dass es insbesondere das Infragestellen legitimer Herrschaft sei, das ASoIaF als postmodernen Text ausweise. Das Werk misstraue ethischen Normsetzungen “tief und grundsätzlich”. Dies spiegele sich, wie Hans Richard Brittnacher argumentierte, ebenfalls in den Figuren der Bastarde und Barbaren wider: George R. R. Martin verfolge in ASoIaF eine “Strategie systematischer Bastardisierung der Welt”, in der keine der Figuren Authentizität für sich reklamieren kann. Als postmodern, so Rainer Emig in seinem äußerst anregenden Vortrag, seien auch die pluralistischen Religionskonzeptionen der Romane zu bezeichnen, die zwar einerseits eng mit Machtstrukturen verbunden seien, sich aber dem üblichen Schwarz-Weiß-Schema von Fantasy weitgehend entzögen.

151011_got_01Das Verhältnis von Herrschaft und Religion stand ebenfalls im Mittelpunkt von Christoph Petersens Vortrag, der dem politischen Ordnungszerfall der Seven Kingdoms den Daenerys-Handlungsstrang gegenüberstellte. So kontrastierten die Romane das Konzept egoistischer Selbstentfaltung als herrschaftslegitimierende Kraft (etwa bei Petyr Baelish) mit Herrschaftskonzepten, die (etwa bei Daenerys) letztlich theologisch begründet seien und sich in religiösen Motiven wie einer messianischen Erwartungsstruktur oder dem ‘renovatio’-Gedanken (der Wiederherstellung der ‘alten Ordnung’) ausdrückten. Johannes Rüster schließlich konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die dominante Religion von Westeros, den ‘Faith of the Seven’, der als Pastiche realweltlicher Religionen konzipiert sei. Rüster zeichnete dabei vor allem dessen Beziehungen zu den anderen intrafiktionalen Religionen nach und kam zu dem Schluss, dass ASoIaF trotz des recht freien Umgangs mit religiösen Versatzstücken eine scharfsinnige Analyse des menschlichen Transzendenzbedürfnisses darstelle.

Dass Religion und Herrschaft in Westeros nicht zuletzt auch mit Sexualität zusammenhängen, machten nicht nur Rüsters Ausführungen zum R’hllor-Kult deutlich, sondern auch der Vortrag von Mitorganisator Robert Baumgartner. Unter dem plastischen Titel “Myrish Swamps and Fat Pink Masts” konzentrierte sich Baumgartner dabei zunächst auf die Genealogie von Sexualitätsdarstellungen in der (Dark) Fantasy, um dann ihre narrative Funktion im Werk Martins zu diskutieren. Dabei ergaben sich erneut zahlreiche thematische Querbezüge, etwa zu Corinna Dörrichs Vortrag zu Bildern von Ritterschaft und den ‘Waffen der Frau’ sowie Simon Spiegels Beitrag zu den ‘Sexpositions’ der HBO-Serie Game of Thrones.

(Trans-)Medialität und Fandom

Letzterer lässt sich schließlich auch einem dritten Themenstrang zuordnen, der die Tagung prominent durchzog: Fragen der (Trans-)Medialität verschiedener Erweiterungen des Game of Thrones-Franchise. Der Filmwissenschaftler Spiegel untersuchte die ökonomischen und narrativen Funktionen der häufig expliziten Sexszenen der Serie, etwa als Mittel der Figurencharakterisierung in den Expositionen einzelner Episoden. Christian Weng wählte mit Ausführungen zu musikalischen Leitmotiven im Score der Serie ein so spannendes wie bis dahin unterrepräsentiertes Thema. Dabei zeigte er einerseits, wie der Komponist Ramin Djawadi Teile aus Bruckners 8. Symphonie für die Gestaltung des Main Theme verwendete, und anderseits, wie sich in den musikalischen Motiven, die einzelnen Figuren und Häusern in Westeros zugeordnet sind, sowohl wagnerische Leitmotivtechniken als auch Einflüsse bekannter Filmkomponisten wie Hans Zimmer nachweisen ließen.

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 Thema aus A. Bruckner: 8. Sinfonie, II. Scherzo
 Titelthema Game of Thrones, Ramin Djawadi

Auch die wachsende Zahl von Computerspielen, die das Game of Thrones-Franchise hervorgebracht hat, stand im Zentrum zweier Vorträge. Franziska Ascher problematisierte den Medienwechsel von Buch zu Spiel und schlug das Konzept des Agonalen als Analyseheuristik vor, unter anderem um plausibel zu erklären, warum das Episoden-Adventure Game of Thrones – A Telltale Games Series als eine der erfolgreicheren Transformationen des ASoIaF-Narrativs ins Medium Computerspiel gelten kann. Auch in meinem eigenen Vortrag ging es um einen Vergleich der verschiedenen Game of Thrones-Spiele – hier jedoch mit einem Fokus auf die Darstellung weiblicher Figuren. Dabei diskutierte ich, wie narrative Stereotype, spielmechanische Anforderungen, Genrekonventionen und nicht zuletzt die Struktur der Videospielbranche auf die Figurendarstellungen in diesen Spielen einwirkten.

Während ein Großteil der literaturwissenschaftlich orientierten Vorträge eher selten den Blick über den ‘Text’ hinaus wagten (außer natürlich beim Nachweis intertextueller und/oder realweltlicher Bezüge), nahm Tobias Unterhuber die zahlreichen Fanpraktiken in den Blick, die sich mittlerweile um das Phänomen Game of Thrones entwickelt haben. Am Beispiel des YouTube-Hits “Rage of Thrones” zeigte er auf so unterhaltsame wie pointierte Weise, wie sich diskursive Mechanismen von Inklusion und Exklusion in subkulturellen Fanpraktiken artikulieren.

Drachen und Zombies – streng wissenschaftlich (?)

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In einem Nachbericht vom 11. Oktober titelte die Süddeutsche Zeitung “Drachen und Zombies – streng wissenschaftlich” – und man hört fast das insinuierte Fragezeichen am Ende. Auch der Artikel selbst verweist auf das Legitimationsproblem, das geisteswissenschaftliche Forschung – und insbesondere Forschung zur ‘Populärkultur’ – in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer hat. Drachen und Zombies – geht das überhaupt wissenschaftlich? Während die SZ hier Zweifel anmeldet (O-Ton: “[Es] drängt sich der Eindruck auf, dass nicht alle Teilnehmer den kritischen Abstand zur Fiktion bewahren. Immerhin ist niemand als Ritter oder Ork verkleidet.”), ist mein eigener Eindruck (natürlich) ein anderer. Ja, möglicherweise ist es nicht unmittelbar einsichtig, welchen inhaltlichen Beitrag eine abendliche Schwertkampfvorführung zum Tagungsthema leistet; und ja, im Versuch, die Welt von Westeros zu ‘erklären’, trat die Tatsache, dass es sich um ein literarisches bzw. mediales und nicht zuletzt ökonomisch motiviertes Artefakt handelt, bisweilen in den Hintergrund. Doch insgesamt förderte gerade die intensive (und ja, hier und da auch immersive) Auseinandersetzung mit A Song of Ice and Fire eine Diskussionskultur, die leidenschaftlich und informiert war und gerade durch die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmer_innen viele neue Impulse gab. Drachen und Zombies – das geht sogar ganz hervorragend wissenschaftlich. Und wenn jemand während des Vortrags ein Langschwert zieht, um seinen Punkt zu illustrieren, dann sollten wir doch alle froh und dankbar sein, dass er es (nur) für geschliffene Argumente verwendet.

Vielen Dank an die Organisatoren, Helfer_innen und Teilnehmer_innen für eine rundum begeisternde Tagung!


[1] Eco, Umberto (1985): “‘Casablanca’: Cult Movies and Intertextual Collage”. In SubStance, Jg. 14, Nr. 2, Ausgabe 47: In Search of Eco’s Roses, S. 3-12. Hier: S. 3.

[2] Jenkins, Henry (2011): “Transmedia 202: Further Reflections”. Confessions of an Aca-Fan. The Official Weblog of Henry Jenkins. 1. August 2011. URL: http://henryjenkins.org/2011/08/defining_transmedia_further_re.html


Fotos: oben: © Konferenz “Winter is Coming”; unten: © Alessandra Schellnegger/SZ;
Galerie unten: © Maria-Anna Oberlinner



7 Comments »

  1. Lieber Felix,
    herzlichen Dank für die Besprechung, nicht weil sie so positiv ist (naja gut, das schon auch;-) ), sondern für die große Mühe, die akribische Arbeit und die viele Zeit, die Du dafür ganz offensichtlich aufgewendet hast!

  2. Lieber Felix!
    Was für eine schöne und ausführliche Besprechung! Vielen Dank dafür, aber vor allem auch nochmal danke für deinen wirklich großartigen Vortrag! Ich bin Fan.

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